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Die Kindelberger-Retzer Auswanderer und ihr berühmter Enkel
Zwei Familien haben entscheidend dazu beigetragen, daß die Nothweilerer heute sehr viele Verwandte in den USA haben:
Johann GEORG Kindelberger, *1748 und seine Frau Anna Margaretha Hoffmann *, sowie Daniel Retzer und Eva Elisabeth Grüny * 1754.
Im Jahre 1900 leben allein über 90 uns bekannte Kindelbergers, bzw. Kindels in den USA (Ohio, Indiana, Kansas, West Virginia,
Pennsylvania) und 10 Mitglieder der Familie Retzer in Pennsylvania, die von nur diesen beiden Familien abstammen Der international bekannteste von ihnen ist James Howard Kindelberger, genannt “Dutch” !
Sein Werdegang wird hier beschrieben.
Im April 1854 beschließt eine Nothweilerer Familie in Amerika ein neues Leben zu beginnen. Der 43jährige Leinenweber und
Landwirt Johann Kindelberger und seine 45jährige Frau Mar. Katharina geborene Retzer und ihre sechs Kinder im Alter zwischen 11 und 21 Jahren lassen sich in der neuen Welt in Wheeling, West Virginia nieder, einer
Gegend, in der bereits viele andere Auswanderer aus dem Amt Wegelnburg eine neue Heimat gefunden haben. Der zweitjüngste Sohn der Familie, Jakob Kindelberger (* 1840) heiratet 1863 Susan Ann Price. Ihr Sohn Charles
Frederick Kindelberger ist nicht mehr Farmer wie seine Vorfahren, sondern arbeitet in einer Stahlhütte in Wheeling, einem der aufstrebenden amerikanischen Industriereviere.
Am 8. Mai 1895 wird dessen Sohn James Howard Kindelberger geboren, der Zeit seines Lebens “Dutch” genannt wird.
Dutch wuchs im Schatten der großen Hüttenwerke in Wheeling auf. Von seinen Eltern bekam er typisch deutsche Tugenden
vermittelt: Zeit seines Lebens glaubte er an den Wert harter ehrlicher Arbeit. Bereits mit 16 verläßt er die Schule, um wie sein Vater im örtlichen Stahlwerk zu arbeiten. ”Dutch”
stellt sich sein weiteres Leben aber anders vor, als täglich von sieben Uhr früh bis halb sechs am Abend Roheisen abzustechen. Aus diesem Grund nahm er zwei
Jahre Fernkurse, um seinen Schulabschluß nachzuholen. Damit hatte er sich für eine Tätigkeit für die Ingenieurtruppe der amerikanischen Armee
qualifiziert, wo er zunächst als ziviler Zeichner und Inspektor tätig war. Nebenbei führte er seine Fernstudien weiter, machte seinen Collegeabschluß, und wurde 1916 zum Studium am Carnegie Institute of
Technology in Pittsburgh zugelassen, einer der renommierten amerikanischen Technischen Hochschulen. 1917, nachdem Dutch ein Jahr studiert hatte, traten die USA in den Ersten Weltkrieg ein. Er
meldete sich freiwillig zum U.S. Army Air Corps wo er zum Piloten ausgebildet wurde. Bis zum Ende des Krieges arbeitete Leutnant James H. Kindelberger in Memphis, Tennessee als Fluglehrer und entschloß sich
schließlich, eine Beschäftigung in der jungen Flugzeugindustrie aufzunehmen. Er nahm eine Stelle als Zeichner bei der Glenn L. Martin Company in Cleveland Ohio an, wo zur gleichen Zeit auch andere
Flugzeugkonstrukteure ihre Karriere begannen: Glenn Martin und Donald Douglas. Da seine Stellung mit 27 Dollar pro Woche nur bescheiden bezahlt wurde, gab Dutch abends Flugstunden und schrieb für die
Zeitschrift “Popular Mechanics”.
Nach sechs Jahre, in denen er es zum Chefzeichner und stellvertretenden Chefkonstrukteur gebracht hatte, nahm Kindelberger 1925 ein Angebot seines
ehemaligen Kollegen Donald Douglas an und wurde Chefkonstrukteur und Vizepräsident in dessen Firma Douglas Aircraft Company im kalifornischen Santa Monica. Er war dort Anfang der Dreißigerjahre für die Konstruktion
der legendären DC-1 und DC-2 verantwortlich, den ersten erfolgreichen amerikanischen Passagierflugzeugen und in dieser Hinsicht ein Pendant zur Junckers Ju-52.
1932 kommt für den 39jährigen Dutch Kindelberger die große Chance seines Lebens, als er ein Angebot erhält, als General Manager zur North American
Aviation, Inc.nach Dundalk in Maryland zu wechseln. Bei North American mußte Kindelberger bei Null anfangen. Das Unternehmen hatte nämlich bislang kein einziges Flugzeug verkauft, sondern nur
Umbauten an anderen Flugzeugen durchgeführt. Dutchs erstes Projekt war die Konstruktion eines Ausbildungsflugzeugs, für das die U.S. Navy einen Wettbewerb ausgeschrieben hatte. Innerhalb von nur neun
Wochen härtester Arbeit hatten Kindelberger und seine Mitarbeiter den Prototypen des NA-16 fertiggestellt, mit dem North American nicht nur den Wettbewerb gewann, sondern auch wirtschaftlich Boden unter die
Füße bekam. Weil Südkalifornien exzellentes Flugwetter während des ganzen Jahres hatte siedelte North American 1935 – wie auch viele andere Flugzeugbauer – nach Inglewood über. Kindelberger ließ dort am
Rande des Flughafens von Los Angeles eine Flugzeugfabrik errichten, in der schon Anfang 1936 Arbeiter beschäftigt waren. Das weiterentwickelte Tariningsflugzeug wurde unter der Bezeichnung BT-9
zum ersten großen Erfolg für North American, in dem praktisch jeder Pilot des Zweiten Weltkriegs ausgebildet wurde. Der Erfolg von North American war aber nicht nur ihren hervorragenden Flugzeugen zu
verdanken. Praktisch im Alleingang begann Kindelberger, die Produktion von Flugzeugen von den bislang vorherrschenden handwerklichen Methoden auf eine Massenproduktion nach dem Vorbild der
Automobilindustrie umzustellen.
In den Jahren des Zweiten Weltkrieges sollte sich diese Kombination als wichtiger Vorteil herausstellen. Im Jahr 1940 stand
Großbritannien während der “Luftschlacht um England” am Rande der Niederlage, unter anderem weil es der Royal Airforce an geeigneten Jagdflugzeugen fehlte, mit denen man die deutschen
Bomberstaffeln wirkungsvoll bekämpfen konnte. In dieser Situation hielt das britische Militär North American Aviation für das einzige Unternehmen, das in der Läge wäre, binnen kürzester Zeit ein
geeignetes Flugzeug zu konstruieren und in der notwendigen Stückzahl zu produzieren und bestellten 320 Jagdflugzeuge.
Wiederum schafften es die Konstrukteure von North American Aviation unter der Leitung von Dutch Kindelberger innerhalb von nur 127 Tagen das gewünschte
Flugzeug nicht nur zu konstruieren, sondern gleichzeitig auch die notwendigen Werkzeuge herzustellen und Produktionseinrichtungen aufzubauen. Bereits im Oktober 1940 wurde der erste
Prototyp des P-51 “Mustang” fertiggestellt und nur ein gutes Jahr später, im November 1941, wurden die ersten Flugzeuge von der Royal Airforce in Dienst gestellt. Nach dem Kriegseintritt der USA im Dezember
1941 bestellte auch die amerikanische Luftwaffe 150 Mustang-Jäger. In den darauf folgenden Jahren entwickelte sich dieses Flugzeug auch zu einem wichtigen Bestandteil der alliierten Luftangriffe auf Deutschland:
die verbesserte P-51B war das erste Jagdflugzeug, das alliierte Bomberstaffeln bis zu ihren Einsatzorten und wieder zurück begleiten konnte. Obwohl in kürzester Zeit konstruiert, gillt die P-51 als ein
Höhepunkt in der Konstruktion von Propellerflugzeugen. Insgesamt wurden fast 15.000 Exemplare dieses Flugzeugs bis 1945 gebaut.
Seitdem konstruierte und baute North American Aviation einen nicht
abreißenden Strom legendärer (Militär-)Flugzeuge. Neben der B-24 “Mitchell”, dem Standard-Langstreckenbomber der Amerikaner im Zweiten Weltkrieg war Kindelbergers Unternehmen ein Pionier bei
Düsenflugzeugen. Der leichte XB-45-Bomber erlangte traurige Berühmtheit als das Flugzeug, von dem die Atombomben auf Hiroshima und Nagasaki abgeworfen wurde. North Americans XP-86 war das erste
Flugzeug das 1948 die Schallmauer durchbrach, die F-86 “Sabre” und die F-100 “Super Sabre” waren wichtige Kampfflugzeuge der amerikanischen Airforce in den Fünfzigerjahren. Schon kurz nach dem
Zweiten Weltkrieg begann North American auch mit der Konstruktion von Raketen und Raketenflugzeugen, von denen die X-15 das Bekannteste sein dürfte. Als Dutch Kindelberger 1960 als
Vorstandsvorsitzender von North American Aviation in den Ruhestand ging, hatte sein Unternehmen soeben begonnen, eine zentrale Rolle im amerikanischen Raumfahrtprogramm zu übernehmen. Den Flug der
ersten, von North American Aviation gebauten, Apollo-Raumkapsel und die Landung des ersten Menschen auf dem Mond 1969 hat Dutch schon nicht mehr erlebt. Am 27. Juli 1962 starb der Enkel eines armen
Nothweilerer Amerika-Auswanderers als einer der wichtigsten Pioniere der amerikanischen Luft- und Raumfahrtindustrie im Alter von nur 67 Jahren.
North American Aviation fusionierte 1967 mit der Rockwell Standard
Corporation und wurde schließlich 1996 Teil des Boeing-Konzerns.
Recherchiert und übersetzt von Dr.-Ing. Michael Friedewald und Andrea Kindelberger unter Mithilfe von “Dutch” Kindelbergers Enkel James Graham, Boeing und der Aerospace legacy foundation in Downey, CA
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